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Die Frage, warum Gartenstadt Möser, wurde in der Diskussion zu den Vorträgen zur Histo­rie von Möser und den Leistungen der Familie Hahlo immer wieder gestellt. Aus zeitlichen Gründen passt die Feststellung, dass es in Möser ja mal 29 Gärtnereien gegeben hat, nicht. Die Grundlagen der Gartenstadtbewegung liegen weiter zurück.

Die fortschreitende Industrialisierung und der damit verbundene Arbeitskräftebedarf war der eigentliche Auslöser. In der Mitte des 19. Jahrhundert ergaben sich daraus vor allem erhebliche soziale Probleme. Städte in Europa und in Nordamerika, dann aber auch in In­dien, Lateinamerika und China konnten über die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtgrenzen hinaus nur gering wachsen. Gleichzeitig verdichtete sich innerhalb des städ­tischen Siedlungsbereiches der Wohnraum. Während einerseits die Stadtmauern eingeris­sen wurden, baute man andererseits die Hinterhöfe zu. Untervermietung von einzelnen Zimmern, Schlafgängertum (in Schichten schlafen), Souterrain- und Kellerwohnungen zeug­ten von zu wenig Wohnraum und wären sozial für uns heute undenkbar. Berlin war in Eu­ropa das abschreckende Beispiel (siehe Heinrich Zille) und Detroit wurde es bald in den USA. Ebenso ist in dieser Hinsicht Bombay in Indien bekannt.

Die Probleme der Urbanisierung traten in Deutschland bereits im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts auf. Nicht nur ein rapides Anwachsen der Bevölkerung im einhergehen mit der Proletarisierung weiter Teile der Arbeiterschaft ließen die „soziale Frage“ entstehen. Die weitere Verstädterung der und die noch bestehende feudalistische Einschränkung der Städte führte zu der Wohnungsnot und den unwürdigen sozialen Problemen. In Berlin wohnten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem Haus durchschnittlich 77 Menschen. In München waren es gerade 29 und in Hamburg 23 Bewohner. Von kommunaler Seite wur­de jedoch nicht steuernd Einfluss genommen. Der Wohnungsbau wurde weitgehend Pri­vatgesellschaften überlassen. Vor allem in Berlin, aber auch in anderen Städten, bildete sich der Haustyp der „Mietkaserne“ heraus, die zur Straßenseite durch ihre historisch ge­staltete Fassade an ein großzügiges Bürgerhaus erinnert. In den Block hinein wurden je­doch schmucklose Seiten- und Quergebäude mit bis zu acht Hinterhöfen errichtet.

Damit im Einklang ergaben sich hygienische Situationen, die doch in den Kommunen schnell zu Überlegungen führten, jedoch zunächst kaum Ergebnisse brachten.

Die Stadterweiterung erfolgte  im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts im wesentlichen  ohne mit den bestehenden Bauordnungen klare Vorschrif­ten zu erlassen. Damit konnten die Baublöcke immer mehr als Mietkasernen entstehen und wurden Objekte  der Spekulation. Dies brachte also auch kein Abhilfe.

Der Engländer Ebenezer Howard war Genossenschaftssozialist ( welche Aufgabenstellung sich auch immer hinter dieser Bezeichnung verbirgt) und hatte sich in der USA bereits mit Siedlungsexperimenten beschäftigt. Nach deren Scheitern ging er zurück nach London zu­rück und arbeitete als Parlamentssekretär, wo er von den vielen Wohnungsproblemen hör­te. Um diesen Problemen entgegenzuwirken schlug er vor, die Stadtränder und die Innens­tädte nicht weiter auszubauen sonder völlig neue Städte im Umland zu gründen.

Auf genossenschaftlicher Basis sollte in Gebieten mit guter Anbindung an bestehende Städte billiges Agrarland erworben werden. Der Boden bleibt genossenschaftliches Eigen­tum und wird den Genossenschaftern in Erbpacht verliehen. Der sich aus der Umwand­lung von Agrarland in Bauland ergebene Spekulationsgewinn sollte der Allgemeinheit der Genossenschafter zugute kommen und einen Teil der Baukosten decken. Ein weiterer Grundgedanken war die großzügige Bauweise mit Grünflächen und Gärten, die zu mindestens für eine gewisse Eigenversorgung ausreichten.

1898 veröffentlichte Howard in einem Buch seine Grundgedanken. In der zweiten Auflage titelte dieses Buch „Gardencities of tomorrow“, also Gartenstädte von morgen.

Die Ideen von Howard fanden auch in Deutschland schnell ihre Anhänger. Natürlich ver­suchten viele reformerische Bewegungen sich diese Ideen zu Eigen zu machen. Es grün­dete sich jedoch 1902 in Berlin die „Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft“ auch gestützt durch die Ideen von Howard. Unter dem Motto „Licht, Luft und Sonne“ sollte eine städte­bauliche wie soziale Erneuerung in Gang gesetzt werden. Noch vor dem 1. Weltkrieg ent­standen in Deutschland fast 140 Gartenstädte. Die Gartenstadtbewegung war aber keine idealistische Reformbewegung sondern schaffte eine erstrebenswerte kulturelle und sozia­le Lebensmöglichkeit für den kleineren Geldbeutel.

In der Folgezeit wurde jedoch auch die mögliche Nutzung außerhalb des Genossen­schaftsbereiches erkannt und führte zu einem wesentlichen Ausbau der Gartenstadtbewe­gung in Deutschland.

Es sollen hier nur einige der bekanntesten Gartenstädte der unterschiedlichsten Kategori­en genannt werden. Eine der in unserer Region bekanntesten Gartenstädte ist die Braun­schweiger Gartenstadt, mit der unser „Schützenverein der Gartenstadt Möser von 1923 e.V“ gute Kontakte hält und einen gemeinsamen Pokal ausschiesst. Weitere Gartenstädte bestehen in Magdeburg „Reform“ und  „Hopfengarten“. Ebenso in Lutherstadt Wittenberg die „Werksiedlung Piesteritz“ , Dresden Hellerau, die  Margarethenhöhe in Essen und eine ganze Reihe um Berlin. Die meisten Gartenstädte sind heute nicht mehr eindeutig erkenn­bar, da sie in Stadtbereiche eingewachsen und eingemeindet wurden.

Auch hat sich der Charakter der Gartenstädte schnell gewandelt. Von den sich entwickeln­den Großbetrieben wurde erkannt, dass es eine sinnvolle Einrichtung ist, 1. seinen Ar­beitskräftebedarf in der Nähe der Firmensitze zur Verfügung zu haben und 2. die Arbeitskräfte durch soziale Leistungen an den Betrieb zu binden. So sind u.a. die Gartenstadt auf der Margarethenhöhe in Essen von der Firma Krupp und die Werksiedlung Piesteritz für die Arbeiterschaft, aber auch für leitende Angestellte, der chemischen Industrie errichtet worden.

Wenn auch der Anteil der den genossenschaftlichen Charakter tragenden Gartenstädte zurückging, hat doch die Grundidee breiten Anklang gefunden.

Ob nun Herr William F. Hahlo den Gartenstadtgedanken bereits aus seine Zeit aus den USA mitgebracht hat oder dieser in seiner Berliner Zeit entstanden ist, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden. Auf jeden Fall hat die Familie Hahlo mit der Gründung und der Arbeit der „Gartenstadt Möser AG“ den Rahmen der Gartenstadtbewegung noch Mö­ser getragen.

Es wurde eine Agrarfläche gefunden, deren Erwerb preislich realisierbar war. Diese Fläche lag in einer Entfernung zur sich entwickelnden Industrie in Magdeburg, die sowohl durch die Bahnanbindung als auch durch die Chaussee gut überbrückt werden konnte. Die Um­weltbedingungen entsprachen zur damaligen Zeit höchsten Ansprüchen. Erweiterungs­möglichkeiten waren gegeben, wie der Kauf der Waldfläche westlich der Bahn durch die Gartenstadt Möser AG und die Einordnung in den Gemeindebereich zeigt.

Die Zielstellung der städtebaulichen Entwicklung wurde jedoch durch gewollte Schaffung von einem Wohnbereich für höhere leitende Angestellte und Führungskräfte der Großin­dustrie und der erforderlichen kommunalen und sozialen Bereiche. Dies zeigt auch die Re­striktion in den Kaufverträgen für die Parzellen, in denen vorgeschrieben wird, dass „die Parzellen mit massiven Einfamilienhäusern im Villenstil zu bebauen sind“. Auch die weite­re Konzeption der Gartenstadt Möser AG sollte zur Verwirklichung des Gartenstadtcharak­ters beitragen. Dazu gehören der Tierpark, der künstliche See, die Trinkkuranstalt und nicht zuletzt die Badeanstalt. Alle diese Ziele waren keine Biertischfantasien, sondern es wurde intensiv an der konsequenten Umsetzung gearbeitet. Zum Teil durch die Gartenstadt Möser AG allein aber auch in engem Zusammenwirken mit der Gemeinde.

Der politischen Entwicklung der 30´er Jahre ist es dann leider zuzuschreiben, dass diese Vorstellungen nicht mehr verwirklicht werden konnten. Sie hätten der Wohnqualität Mösers weiterhin gut getan. Es hat sich jedoch, bis auf einige Ausnahmen, der Gartenstadtcharak­ter der Gemeinde erhalten. Es ist zu hoffen, das dies auch in der Zukunft so bleibt, dann wohnt es sich in Möser auch weiterhin angenehm.

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